Was ist die kalte Progression?

Die Inflationsrate April 2022 beträgt 7,4%
Die Inflationsrate April 2022 beträgt 7,4%

Die aktuelle Inflationsrate in Deutschland im April 2022 beträgt 7,4% (März 7,3%, Februar 5,1%, Januar 4,9%, Dezember 2021 5,3%). Es ist die stärkste Inflation seit 40 Jahren. Die Erwartungen zum weiteren Verlauf deuten auf eine längerfristig höhere Preisentwicklung hin.

Solange sich die Inflationsrate in einem bestimmten Rahmen bewegt, ist da auch erstmal nichts dran auszusetzen. Eine Inflationsrate von jährlich bis ca. 2% wird im Allgemeinen sogar als Preisstabilität bezeichnet.

Eine Gehaltserhöhung scheint also die Lösung zu sein. Klar, dann kann ich doch mit einer Gehaltserhöhung in der Höhe der Inflationsrate ausgleichen und mir wieder alles leisten wie zuvor auch. Oder etwa nicht?

Hier erkläre ich dir kurz, was die kalte Progression ist. Schau dir die zwei Beispiele an. Du wirst überrascht sein!

 

Die kalte Progression

Die Erklärung des Bundesfinanzministeriums lautet wie folgt: „Als kalte Progression wird der Anstieg des durchschnittlichen Steuersatzes der Einkommensteuer bezeichnet, der auf Lohn- und Gehaltserhöhungen zurückzuführen ist, die lediglich den Preisanstieg (Inflation) ausgleichen.“

Weil das Beamtendeutsch doch nicht so einfach zu verstehen ist, schauen wir uns das gemeinsam an.

Eine Gehaltserhöhung kann immer auch die Auswirkungen der Inflation abfangen. Doch sie gleicht nicht die Inflation in gleicher Höhe aus. Die sogenannte „Kalte Progression“ ist zu berücksichtigen. Denn trotz Gehaltserhöhung kannst du dir vielleicht weniger leisten als vorher. Wie kann das denn sein, fragst du dich? 

 

Schuld ist neben der Inflation die Steuerprogression. Je mehr Gehalt man in Deutschland verdient, desto höher klettert der Steuersatz. Schauen wir uns das in den Beispielen von Tim und Tina an, die beide eine Gehaltserhöhung bekommen. Beide verdienen vor ihrer Gehaltserhöhung ein Bruttomonatsgehalt von 3.500 € (Jahresbruttogehalt von 42.000 €). Tim bekommt eine Gehaltserhöhung von 3% , was ein neues Bruttojahresgehalt von 43.260 € ausmacht. Tina erhält von ihrem Arbeitgeber die aktuelle Inflation ausgeglichen und bekommt 7% mehr. Sie hat damit ein neues Bruttojahresgehalt von 44.940 €.

 

Beispiel 1: Gehaltserhöhung 3%

Kalte Progression - Beispiel 1

 

Beispiel 2: Gehaltserhöhung 7%

Kalte Progression - Beispiel 2

 

Ergebnis

Die Steuerbelastung wächst in beiden Beispielen prozentual stärker als das Bruttoeinkommen. Oder anders ausgedrückt: Bei einer Gehaltserhöhung steigt durch die Steuerprogression das Nettogehalt geringer an als das Bruttogehalt.

Wenn die Gehaltserhöhung wie bei Tina 7% beträgt und damit prozentual etwa der Inflation im April 2022 entspricht, wächst dein Nettogehalt um 5,56% (Beispiel 2).

Du kannst dir also weniger leisten als vorher! 

Im Beispiel 1 hat Tim sogar am Ende weniger raus, sodass von der Gehaltserhöhung gar nichts übrig bleibt. Er kann sich nun noch weniger leisten als vorher! 

 

Folgen

Die kalte Progression hat demnach zur Folge, dass bei einer Lohnerhöhung ein immer stärkerer Anteil der Erhöhung nicht beim Arbeitnehmer, sondern beim Fiskus landet. Man könnte meinen, dass bei Lohnerhöhungen die Steuern heimlich mit steigen. Dieser Effekt ist vom Gesetzgeber so nicht gewollt.

Es gibt zwei Möglichkeiten, um der kalten Progression entgegenzuwirken:

1. Anpassung der Steuertarife:

Die Steuersätze wären zu überprüfen und schauen, ob sie an die aktuelle Preisentwicklung angepasst sind. Wenn nicht, wären sie gegebenenfalls anzugleichen. Dies müsste regelmäßig überprüft und modifiziert werden. Änderungen im Verlauf des Steuertarifs werden durch den Deutschen Bundestag beschlossen.

2. Einheitlicher Steuersatz für alle

Die einfachste ist aber nicht immer die gerechteste Methode. Die Folge wäre hier eine ungleiche Verteilung:  Geringverdiener müssten so im Vergleich zu Mehrverdienern höhere Abgaben leisten.

 

Maßnahmen der Bundesregierung

Die Bundesregierung legt alle zwei Jahre einen Bericht über die Wirkung der kalten Progression im Verlauf des Einkommensteuertarifs vor. Der letzte Bericht stammt aus Dezember 2020. Hierin sind eine Verschiebung der Tarifeckwerte des Einkommensteuertarifs für die Veranlagungszeiträume 2021 um 1,52 Prozent und für 2022 um weitere 1,7 Prozent vorgesehen. Diese Vorgaben beruhen auf der Herbstprojektion 2019.

Anders ausgedrückt: Der Steuertarif wurde angepasst, indem der „Grundfreibetrag“ angehoben wurde.

Zudem wurden auch der Kinderfreibetrag und das Kindergeld aufgestockt. Auch ein Versuch der Regierung, einen Ausgleich zu schaffen.

Aktuell ist die zeitweise Senkung der Mehrwertsteuer auf Strom, Gas und Heizöl vorgesehen, um die privaten Haushalte zu entlasten und die Inflation zu drücken.

 

Einen ausführlicheren Artikel über „Was die Regierung wirklich tun kann – und was sie unbedingt vermeiden sollte“ findest du unter Welt.de.

Klar ist, dass in den nächsten Wochen viel diskutiert werden wird, was nun die richtigen und langfristig effektivsten Methoden sein werden. Was sich wie und in welchem Maße tatsächlich umsetzen lassen wird, bleibt daher weiter in der Diskussion und Finanzminister Lindner wird viele Wege in Betracht ziehen müssen.

 

 

Mithilfe eines Online-Rechners habe ich die Werte für die Beispiele durchgerechnet. Hast du eine Gehaltserhöhung bekommen? Wie sieht es bei dir aktuell aus? Schau bei dem Online-Rechner vorbei und rechne nach.

Lass es mich in den Kommentaren wissen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner